Wie wird man eigentlich Lektorin?

Jeder kann Lektor werden. Lektor ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Jeder, der von sich glaubt, ein gutes Sprachgefühl zu haben, kann sich einfach mit einem Lektoratbüro selbständig machen. Man baut sich eine Website und macht sich im Netz auf die Suche nach Kunden.

Anders sieht es bei Verlagslektoren aus, die in der Regel ein Germanistikstudium hinter sich haben oder ein anderes geisteswissenschaftliches Fach studiert haben. Nach einer Reihe von Verlagspraktika und einem Volontariat wird man dann im besten Fall übernommen und steigt in der Lektorenhierarchie vom Juniorlektor zum Lektor auf. Jedenfalls stelle ich mir das so vor, ich selbst habe diese Verlagslaufbahn ja nie durchlaufen. Aber dazu später.

Wie finde ich meine Nische?

Freie Lektoren gibt es wie Sand am Meer. Bei meinem Lektorenstammtisch in Berlin stelle ich aber auch immer wieder fest, dass es viele verschiedene Fachrichtungen gibt, in denen meine Kollegen unterwegs sind. Jedes Mal bin ich überrascht, dass wir – obwohl wir ja alle Lektoren sind – gar nicht unbedingt in Konkurrenz zueinander stehen. Es gibt Werbelektoren, Wissenschaftslektoren, Lektoren für medizinische oder juristische Fachtexte, Übersetzer und Übersetzungslektoren, Kinderbuchlektoren, Lehrbuchlektoren, Sachbuchlektoren. Auch unter den Belletristiklektoren gibt es Lektoren mit unterschiedlichen Schwerpunkten, je nach Genrevorlieben. Eine Krimilektorin ist vielleicht nicht so gut im Umgang mit Liebesromanen. Es gibt Lektoren, die haben ein gutes Gespür für Lyrik, andere wiederum gar nicht.

Wichtig ist also, dass man sein eigenes Spezialgebiet überhaupt erstmal findet.

Wie ich Lektorin geworden bin

Ich habe Germanistik studiert, ohne einen bestimmten Berufswunsch zu haben, und nur mit der Gewissheit, auf jeden Fall schon mal nicht Lehrerin sein zu wollen. “Ja, und was kann man dann damit machen? Wie willst du denn mal Geld verdienen?” Dieser Frage bin ich möglichst ausgewichen.

Und habe mich dann zunächst dem Theater zugewandt. Ich war am Schauspiel Bonn Regieassistentin, habe an der Schaubühne und am Berliner Ensemble in der Dramaturgie hospitiert und war schließlich am Stadttheater Gießen feste Regieassistentin und Regisseurin. Ich habe ein paar schöne Studio-Inszenierungen gemacht – aber dann ging es irgendwie nicht weiter.

Mir war klar, dass ich als Theater-Regisseurin nicht meinen Lebensunterhalt würde verdienen können. Und abgesehen davon hat mir die Lebensweise, die damit verbunden gewesen wäre, nicht gefallen: nämlich die ewige Herumreiserei und das intensive, extrem stressige Arbeiten an einer Produktion für sechs Wochen ohne Atempause bis zu den Endproben am Rande des Nervenzusammenbruchs mit darauffolgender Depression im sogenannten Premierenloch.

Und darüber hinaus musste ich mir eingestehen, dass es mir auch gar nicht wirklich liegt, mit so vielen Menschen in Gruppen zusammenzuarbeiten und dann noch in einer Position, in der man vorangeht und vorgibt, jederzeit die Kontrolle und den totalen Durchblick zu haben. Die Rolle der Regisseurin zu spielen, ist mir nicht durchgehend wirklich gut geglückt. Und Schauspieler wiederum sind ja auch dafür bekannt, nicht gerade einfach gestrickte Persönlichkeiten zu sein. Mir war die Intrigendichte zu viel, die letztlich autoritären Strukturen, die Abhängigkeit von den Herren Schauspieldirektoren und Dramaturgen, einfach der ganze Zirkus.

In Wirklichkeit geht es mir viel besser, wenn ich allein im stillen Kämmerlein arbeiten kann. Kurz und gut: Auch wenn das Theater aufzugeben sich anfühlte wie eine gescheiterte Liebesbeziehung – das war nicht der richtige Beruf. Ich steckte in einer Sackgasse. Was nun?

Was ist denn jetzt eigentlich meine Kernkompetenz?

Schreiben war vorübergehend eine Idee. Drehbuchschreiben vielleicht? Immerhin hatte das ja was mit Theater zu tun, mit Schauspiel, mit Inszenierung, mit Dialog, mit Drama. Ich habe mich also intensiv mit dem Drehbuchhandwerk auseinandergesetzt und im Zuge dessen auch ein Praktikum bei der Drehbuchberatungsfirma Scripthouse gemacht, die dramaturgische Beratung anbietet für Drehbuchautoren oder auch Stoffentwicklung für Produktionsfirmen. Da habe ich gelernt, Drehbücher zu begutachten. Und dabei habe ich festgestellt, dass ich ein gutes Gespür dafür habe, wenn eine Geschichte im Ungleichgewicht ist, in die falsche Richtung abdriftet und auch dafür, wie man das wieder in den Griff bekommt.

Gleichzeitig habe ich Aufträge einer dubiosen Literaturagentur angenommen, Romanmanuskripte zu lektorieren. Die Kenntnisse aus dem Drehbuchbereich kamen mir da sofort zugute. Auch wenn dieser windige Agent nicht nur seine Autoren, sondern auch mich um mein Honorar betrogen hat, so bin ich doch über diesen Job zu der Erkenntnis gelangt, dass das mein Weg werden würde. Film war zwar auch nicht wirklich mein Ding, aber Geschichten. Ich habe mich wieder meiner Kernkompetenz zugewendet: dem Lesen. Und zwar dem Lesen von Romanen. Das hatte ich ja schließlich ursprünglich auch studiert.

Was jetzt? Ich hatte schon einige Umwege genommen in meiner beruflichen Karriere und meine Praktika- und Assistentenzeit schon im Theater absolviert. Ich konnte mir nicht vorstellen, diese ganze Mühle noch einmal in einem Verlag zu durchlaufen. Ohne einschlägige Berufserfahrung würde ich mich aber auch gar nicht in einem Verlag bewerben brauchen, es gab da ja wohl mehr als genug ehemalige Praktikanten und Volontäre, die dann ins Lektorat übernommen werden. Da hatte man sicher nicht auf mich gewartet.
Wie ich es vom Drehbuchbereich her kannte, bot ich also meine Beratungsdienste direkt den Autoren an. Und siehe da: Es gibt tatsächlich viele Menschen, die schreiben und die mit ihren Romanmanuskripten in ihren Schubladen auch dankbar für gute Ratschläge und den kritischen Blick von außen sind. Außerdem besteht nach wie vor sehr viel Beratungsbedarf, wenn es um die Möglichkeiten und Wege der Veröffentlichung geht. Aber leicht war es nicht, schließlich musste ich von Null anfangen, mir erst einen Namen machen und mir einen Kunden- bzw. Autorenstamm erarbeiten.

Meine Zielgruppe: Selfpublisher

Mein Durchbruch kam dann mit amazons kindle-direct-publishing-Programm (KDP). Schlagartig war es für viele Autoren möglich, ihre Manuskripte einfach selbst zu publizieren, anstatt jahrelang immer wieder nur Absagen oder gar keine Antwort von Seiten der Verlage zu erhalten. Zwar war das auch vorher schon zum Beispiel über Anbieter wie BOD möglich, aber über den Kanal amazon ließen sich die Bücher – vielmehr die E-Books – auf einmal auch besser verkaufen. Selfpublishing war jetzt in aller Munde. Und schlagartig stieg auch der Bedarf an Lektoratsdienstleistungen an. Und ich war schon da. Ich hatte ja schon lange direkt mit Autoren zusammengearbeitet, im Gegensatz zu den meisten meiner Kollegen, für die nach wie vor die Verlage die Hauptauftraggeber waren und sind.

Jetzt arbeite ich mit vielen sehr erfolgreichen Autoren zusammen, die regelmäßig neue Bücher auf den Markt bringen, die professionell auftreten, deren Bücher sich nicht mehr von Verlagspublikationen unterscheiden und die auch in Sachen Buchmarketing ungeheuer kreativ und erfolgreich sind. Und mittlerweile arbeite ich auch manchmal für Verlage, denn inzwischen habe ich ja viel Berufserfahrung und viele tolle Referenzprojekte vorzuweisen.

Meine Arbeit macht mir unheimlich viel Spaß, weil ich mit Autoren zusammenarbeite, die neugierig sind und abenteuerlustig, indem sie neue Wege der Veröffentlichung ausprobieren. Da gibt es jeden Tag etwas Neues zu lernen.

Neben der klassischen Lektoratsarbeit am Text, dem Feilen am Plot und an Stil und dem Finden der richtigen Formulierungen, ist auch die Beobachtung des Buchmarkts, der Entwicklungen im E-Book-Bereich, sowohl im Selfpublishing als auch in der Verlagswelt, ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit, damit ich “meine” Autoren beispielsweise auch in Sachen Buchmarketing und Social-Media-Strategien beraten kann.

Es ist ein vielseitiger Job und ich komme durchaus auch ab und zu aus meinem stillen Kämmerlein heraus, wenn ich zu Networkingveranstaltungen gehe, zum #pubnpub etwa, zu meinen Lektoren- und Selfpublisher-Stammtischen. Und zweimal im Jahr fahre ich zur Buchmesse, wo ich dann vor lauter Trubel wieder nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Danach bin ich dann jeweils froh, wieder alleine zu Hause an meinem Schreibtisch zu sein und mich in Ruhe mit den vielen tollen Geschichten zu befassen.